Wann begann das?

Wann genau begann eigentlich der Trend, dass sich Menschen im Straßenverkehr nur an die Regeln halten, die ihnen gefallen?

Radfahrende, die rote Ampeln ignorieren. Menschen im Auto, denen Einbahnstraßen völlig egal sind. Autofahrende, die einen Überholabstand bei Menschen zu Fuß oder mit dem Rad absichtlich nicht einhalten? Fahrzeuge, die bewusst oder unbewusst dort abgestellt werden, wo sie nicht hingehören: Ob Roller, Räder oder Autos. Das Fahren mit viel höherer Geschwindigkeit auf Straßen, in denen eine Geschwindigkeitsbegrenzung gilt?

Wir alle haben uns schon über mindestens eines dieser Verhalten geärgert.

Zwei Fragen zum Beginn des Chaos

Eigentlich sind Verkehrsregeln dazu da, das Miteinander im Verkehr besser zu regeln. Das funktioniert aber nur so lange, wie sich die große, große Mehrheit daran hält. Festzustellen ist: Die Zahl der bewussten Verstöße nimmt mehr. Sicher auch, weil so etwas fast nie auffällt, zumindest nicht nachweisbar, selten sanktioniert. Aber warum ist das so?

  1. Kann es daran liegen, dass die Regelbrechenden wirklich der Meinung sind, sie haben einen Anspruch auf einen Bruch der Regel? Zum Beispiel, weil ihnen die Regel in diesem Moment unsinnig erscheint? Oder weil sie dadurch bequemer oder schneller ihr Mobilitätsproblem gelöst haben?
  2. Ist es denkbar, dass es immer dann besonders oft zu Regelbrüchen kommt, wenn es ein Ungerechtigkeitsgefühl gibt? Entsteht daraus auch hier ein Anspruch darauf, sich eben so zu verhalten, wie es die Regel verhindern will? Zum Beispiel, weil es früher einmal erlaubt war ("Gewohnheitsrecht") oder weil es sich als Benachteiligung gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden anfühlt?

Einbahnstraße in beide Richtungen

Nehmen wir als Beispiel die neue Fahrradstraße in der Gärtnerstraße. Eine Einbahnstraße, die vorher keine war. Eine kleine, nicht repräsentative Zählung ergab: Etwa 10% der Autofahrenden in Randzeiten ignorieren das Schild "Einfahrt in diese Richtung verboten". Bei einigen ganz offensichtlich, weil sie es nicht sehen und nur auf das Navigationsgerät schauen, welches offenbar noch alte Routen gespeichert hat. Die Mehrzahl aber ganz offensichtlich bewusst.

Vielleicht, weil sie es nicht einsehen, dass in diesem Moment ein Umweg sinnvoller ist? Der die Fahrradstraße schützen soll und den Kiez vom Durchgangsverkehr entlasten soll? Denn erwiesen ist: Ist es unbequemer, eine Strecke zur Abkürzung zu nutzen, entfallen viele Fahrten ganz. Die eigentlich naheliegende Theorie, dass der Verkehr sich schlichtweg verlagert, ist erwiesen falsch (siehe das schöne Stichwort Verkehrsverpuffung).

Auch scheinen insbesondere in den Randzeiten, so viel Unterstellung darf sein, in manchen Köpfen zu arbeiten "Jetzt störe ich ja niemanden und spare dadurch sogar Sprit, weil ich abkürze". Individuell vielleicht nachvollziehbar, aber gesamtverkehrsbezogen falsch. Denn: Wenn das jeder machen würde...

Rot ist doch nicht Rot

Das Gleiche lässt sich auch bei vielen Radfahrenden beobachten. Eine rote Ampel: Anhalten Fehlanzeige. Klar, denken sich viele Radelnde: Hier am Rande der Straße beim Fußgängerüberweg (z.B.) störe ich individuell gerade niemanden. Außerdem bin ich ja kompakt und wendig und sollte eine andere verkehrsteilnehmende Person nahen, kann ich ja schnell bremsen oder kurven.

Oder: Wenn Radfahrende links abbiegen wollen, müssen sie in der Regel eine Ampelphase länger abwarten als Menschen in Autos. Es gibt oft keine Linksabbiegespur für Fahrräder. Weil sich das ungerecht anfühlt, lassen manche Menschen rote Ampeln links liegen. Zumindest könnte das die Begründung sein.

Individuell vielleicht nachvollziehbar, aber auch hier: Wenn das jeder machen würde, sind Vorbildfunktion und Sicherheit für die anderen, die Ampel passierenden Verkehrsteilnehmenden, passé.

Platz ist in der kleinsten Lücke

"Ich finde keinen Parkplatz" sang schon Herbert Grönemeier. Darin: Der Frust, sich für den PKW lange einen Stellplatz suchen zu müssen. 1984, als er Song erschien, suchte Grönemeier noch, bis er einen legalen Platz fand. Das ist mittlerweile vielen egal. Zumindest das hat sich geändert. Und: Vielmehr änderte sich das Umfeld, etwa immer größere PKW, längere Standzeiten von PKW und der Wunsch, noch näher dran am Ziel parken zu wollen. Wer kann sich heute vorstellen, dass man bis 1966 gar nicht "einfach so" am Straßenrand parken durfte? Wem ist bewusst, dass das beinahe überall mögliche Auto-Parken noch ein recht junges Phänomen ist? (Siehe "Auto Motor Sport")

So wird also selbst darüber hinaus ignorant geparkt, wo kein Parkplatz ist. Fußgängerüberwege werden zugeparkt, sogar kleine Plätze zwischen Fahrradstellbügeln vor Schulen. Individuell auch hier nachvollziehbar, aber das Problem liegt natürlich tiefer: Bleibt es unkompliziert, PKWs kostenlos überall abzustellen, werden immer mehr PKWs angeschafft. Und es wird enger. Jede Person, die einen PKW besitzt, müsste sich über jede Erleichterung für zu Fuß Gehende oder Radfahrende freuen, weil dadurch nicht noch mehr PKW angeschafft werden. Das ist natürlich schon recht abstrakt und fühlt sich in dem Moment, in dem gedacht wird "und jetzt bauen sie auch noch Parkplätze für Radstellplätze ab" vielleicht falsch an. Ist aber richtig.

Broken Window

Es gibt die Broken Windows-Theorie. Sinngemäß sagt diese aus: Ist in einem Wohngebiet erst einmal ein Fenster zerbrochen und wird nicht repariert, dauert es nicht lange, bis noch mehr zerbrochene Fenster zu sehen sind. Der Gedanke: Der öffentliche Raum wird als unreguliert und nicht in eigener Verantwortung wahrgenommen. Niemand sorgt sich um die Regeln, dass man zum Beispiel keine Fenster zerschlagen sollte.

Vielleicht ist es so ähnlich mit den Regeln im Straßenverkehr. Hat sich vielleicht einfach ein "Rückzug ins Private" ergeben, so dass es vielen mittlerweile gleichgültig geworden ist, dass Regeln gelten? Muss das so sein und soll das so sein? Ich frage nur.

Haben Sie oder hast Du eine Meinung dazu? Beispiele oder andere Gedanken? Dann schreibe uns!

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